Naumburg / Peter–und–Paul–Dom
Basisdaten:
Erste Hälfte 12. Jahrhundert. Ab 1300 gotische Umgestaltung. Der „NAUMBURGER MEISTER“ arbeitete hier von 1235–1260. Das plastische Werk des Naumburger Meisters – und seiner ‚Schule’ – im Dom umfasst drei Gruppen: die Pflanzenkapitelle des Westchores, den Lettner mit den Passionsreliefs und der Kreuzigungsgruppe und schließlich die Stifterfiguren des Westchores. Zweifelhafte Zuschreibung aller Werke an nur einen Meister.
Genauere Beschreibung:
Der Peter–und–Paul–Dom, der den Ruhm der Stadt ausmacht, ersetzte in der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts einen Vorgängerbau, von dem nur noch Reste in der Krypta vorhanden sind. Die Bauzeit zog sich bis ca. 1300 hin. Der Dom hat keine Fassade, weil er zweichörig ist. Der Neubau begann mit romanischen Formen hier im Osten, erkennbar an den achteckigen Türmen. Das dreischiffige Langhaus war noch nicht vollendet, als 1242 die Kirche geweiht wurde. Um 1300 begann man, den Bau gotisch umzugestalten. Nach Westen fortschreitend mehren sich die gotischen Formen in der Architektur und der Plastik, bis hier im Westchor 1270 eines der schönsten Beispiele deutscher Frühgotik vollendet wurde. Besonders an diesen Westtürmen ist der gotische Charakter des ganzen westlichen Teiles zu erkennen. Die Türme lehnen sich deutlich an dem Vorbild aus Laon in Frankreich an, wo diese feingliedrig–durchbrochene Turmform entstanden ist und nicht nur in Naumburg Nachfolger gefunden hat. Die beiden Türme sind nicht identisch. Der nördliche Westturm ist original von 1270, allerdings nur im unteren Teil. Die oberen beiden Geschosse stammen aus dem 14. und 15. Jh., die Haube sogar erst aus dem 19. Jahrhundert. Der südliche Westturm stammt völlig aus dem 19. Jh. Der Kreuzgang des Domes ist zumindest in seiner Grundform weitgehend erhalten geblieben. Er ist zwischen das östliche und westliche Querhaus eingespannt und könnte von daher einen schönen geschlossenen Eindruck abgeben, wenn man den Innenhof nicht so lieblos mit einer schlichten Rasenfläche ausgefüllt hätte.
Der Naumburger Meister
Die Pflanzenkapitelle
Der plastische Schmuck des Naumburger Domes geht auf einen Meister zurück, der namentlich nicht bekannt ist und deshalb nach diesem seinem Hauptwerk der „Naumburger Meister“ genannt wird. Der Naumburger Meister arbeitete hier von 1235 – 1260. Er ist ein Hauptmeister seiner Epoche, wurde wahrscheinlich um 1225 in Frankreich in Amiens, vielleicht auch in Chartres und Noyon geschult, war dann in Reims, war in den 30er Jahren in Mainz und entweder parallel dazu oder erst in den 40er Jahren hier in Naumburg. Man merkt, dass sich die Forschung hier nicht einig ist, was nicht verwundert, wenn man sich die Menge dieser hochqualitativen Arbeiten vor Augen führt. Für die Hauptgruppe seiner Naumburger Bildwerke, die Stifterfiguren, nimmt man in der Literatur teilweise diesen einen überragenden Meister an, dem allerdings Gehilfen zur Verfügung standen. Das plastische Werk des Naumburger Meisters im Dom umfasst drei Gruppen: die Laubkapitelle des Westchores, den Lettner mit den Passionsreliefs und der Kreuzigungsgruppe und schließlich als Krönung die Stifterfiguren des Westchores. Die Laubkapitelle zeugen einerseits von genauer Naturbeobachtung, und andererseits fällt auf, dass der Naumburger Meister die einzelnen Blätter jeweils zu klaren ornamentalen Gruppen zusammengefasst hat.
Passionsreliefs und Kreuzigungsgruppe
Die zweite Gruppe besteht aus dem Lettner mit den Passionsreliefs und der Kreuzigungsgruppe. Wenn man in den Westchor tritt, geht man unter den Kreuzarmen und damit unter den Armen Christi hindurch. Die seitlichen Figuren sind Maria und Johannes der Täufer. Über dieser Gruppe zieht sich das breite Band mit den Passionsszenen hin. Diese Reliefs zeigen in dramatisch bewegter, eindringlicher Handlung individuell handelnde Gestalten, keine Schablonenfiguren. Auch auf eine deutliche und damit realistische Tiefenwirkung hat der Naumburger Meister geachtet, auch hier keine Schematik, keine altbekannten Kombinationen. Die Gefangennahme Christi: Den Evangelienberichten folgend wird die Gefangennahme so wahrhaftig und eindringlich wie möglich erzählt. Im Zentrum steht Christus und erhält von Judas den Verräterkuss, damit die durch Spitzhelme gekennzeichneten Juden wissen, wen sie zu verhaften haben. Im Vordergrund schlägt der Apostel Petrus, übrigens einer der beiden Patrone des Domes, dem Malchus das Ohr ab (Der Judenhut wurde zuerst in den islamischen Ländern eingeführt). Auch hier kann man wieder darauf hinweisen, dass im Mittelalter mit kräftigen Farben gearbeitet wurde.
Die Stifterfiguren
Die Krönung des Domes ist das bekannteste Werk des Naumburger Meisters und eine der bedeutendsten deutschen Plastiken überhaupt, die sog. „Uta von Naumburg“ neben dem Ekkehart aus der Gruppe der Stifterfiguren des Westchores aus der Zeit zwischen 1245 und 1250. Die zu dieser Zeit bereits seit über 200 Jahren Verstorbenen stehen als großartig individuell charakterisierte Persönlichkeiten in einem Halbkreis zusammen. Die künstlerische Sprache ist der Höhepunkt einer Entwicklung, die in Deutschland um 1200 einsetzte und bestrebt war, die schablonenhafte Typenhaftigkeit der Romanik zu überwinden, und zwar vor allem durch Steigerung individueller Merkmale, besonders durch die Bewegung der Figuren. All das findet in den Naumburger Stifterfiguren seinen krönenden Abschluss. Zu der für ihre Zeit revolutionären Idee, im besonderen Bereich des Chores nicht heilige, sondern weltliche Personen darzustellen, kommt die neue künstlerische Form. Das Werk des Naumburger Meisters fand keinen Nachfolger. Der Gotik und ihrer Mystik blieb das Streben nach Körperlichkeit und realistischem Individualismus fremd. Der Weg der Naumburger Hütte lässt sich übrigens bis nach Meißen verfolgen, wo sich ihre Spuren verlieren. Vor allem die singuläre, völlig neuartige Gestalt der Uta wurde in der Kunstgeschichte als eine der genialsten Schöpfungen der deutschen Bildhauerkunst berühmt. Der bis zur halben Gesichtshöhe schutzsuchend hochgezogene Mantelkragen, der von dem innen liegenden Arm hochgehalten wird und von dem aus lange, senkrecht bis zum Boden hinunter sinkende Gewandfalten ausgehen, während die linke Hand wie zur eigenen Sicherung den anderen Mantelteil an sich zieht und damit ein wunderbares Bewegungsmotiv schafft, all das war als psychologisches Motiv neu und brachte schlagartig eine neue seelische Grundsituation in die deutsche Plastik ein: die schutzsuchende edle Frau, die noch in der Handlung der eigenen Absicherung nach außen absolute Souveränität ausstrahlt.
Gräfin Gepa: Die Stifterin ist dargestellt als Witwe, die sich dem geistliche Stande verschrieben hat und die selbstvergessen und hingegeben in einem Buch, vermutlich der Bibel blättert. Das Standbild lässt das immer wiederkehrende Kompositionsprinzip der Naumburger Statuen gut erkennen: der ruhigen Seite mit wenigen schweren Röhrenfalten des Mantels auf der einen antwortet auf der anderen eine stark bewegte Seite mit vielen geknickten kleineren Falten. Die Individualisierung geht hier, wie bei allen frühgotischen Skulpturen des Naumburger Domes, viel weiter, als man das im Mittelalter sonst gewöhnt ist. Aber hier ergibt sich die Schwierigkeit, in dieser Statue den gleichen Bildhauer wieder zu erkennen. Man könnte annehmen, dass hier nicht der Meister, sondern ein Schüler gearbeitet hat, der zwar das Schema der Gestaltung nachahmte, aber nicht den „inneren Ton“ getroffen hat, keine in sich stimmige Bewegung der Gesamtfigur. Bei der Gepa gibt es zwar auch diese Unterteilung der Gewandfalten in die senkrechte Seite links und die bewegte rechts, hier gibt es auch einen Bewegungsausgleich, ein dynamisches Gleichgewicht. Das gilt auch für den oberen Teil in der Gegenüberstellung von nach links bewegtem Kopf und nach rechts gehaltenem Buch. Die ganze Figur wirkt zwar bewegt, aber nicht unruhig, nicht unstabil. Auffallend sind aber die beiden seltsamen fast waagerechten Falten in der Mitte, die fast genau parallel verlaufen und in dieser Form keinen Sinn ergeben – es sei denn, hier hat sich mal irgendein Gegenstand befunden, – ein Schild wie bei einigen Männern kann es aber nicht gewesen sein. Auch die Gestaltung des ganzen linken Armes wirkt grob und unfertig, er wirkt anatomisch nicht richtig. Das würde einem Meister, der die Uta geschaffen hat, kaum passieren. Sollte ein Lehrling hier gearbeitet haben, dessen Werk aus irgendwelchen Gründen vom Meister nicht mehr korrigiert worden ist? Auch die Menge der Werke, die Zahl von ca. zehn überlebensgroßen Stifter–Figuren in nur fünf Jahren – 1245–1250 – in dieser Qualität, und dazu noch die anderen beiden Gruppen, die Kapitelle und der Lettner, alles das scheint für einen Bildhauer allein schwer möglich, man könnte sagen: ausgeschlossen! Da müssen noch mehrere andere mitgeholfen haben. Unmittelbar hinter dem Lettner stehen sich Dietrich III. von Brehna und seine Frau Gerburg gegenüber. Bei dem Dietrich sieht die Situation noch deutlicher aus. Das Standbild hat eine deutliche Linksneigung, die Figur wirkt kippelig, unstabil, die ganze Brustpartie, die sich in ihrer Flächenhaftigkeit in den Schild fortsetzt, ist so auffallend ungestaltet, der ganze Faltenwurf ist eindimensional senkrecht nach unten gegeben, von dynamischer Ausgewogenheit ist wenig zu spüren. Diese Gestaltung einfach „individuell“ zu nennen, wie es in der Fachliteratur häufig geschieht, mag zwar zutreffen, – man kann das nicht ausschließen –, scheint aber eher ein Versuch zu sein, alle diese Standbilder doch noch dem berühmten „Naumburger Meister“ zuschreiben zu dürfen und damit dessen bildhauerische Genialität auf alle Stifterfiguren herab beschwören zu können.
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Photo taken in Naumburg, Germany