ehem. Synagoge auf dem Judenhof in Speyer (wie es einst aussah)

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Das jüdische Speyer im Mittelalter: Die erste jüdische Siedlung entstand auf Initiative des Bischofs Rüdiger 1084 bei dem nördlich der Innenstadt gelegenen Dorf Altspeyer. Diese Siedlung war befestigt und wurde von den Juden und Knechten gesichert. Dort wurde auch die erste Synagoge von Speyer errichtet. Die Existenz eines Ritualbades darf angenommen werden. Spuren der Siedlung Altspeyer sind nicht erhalten. Westlich dieser Siedlung erhielt die Jüdische Gemeinde 1084 als Geschenk des Bischofs Rüdiger einen Friedhof. Dieser bestand trotz wiederholter Schändungen und Verwüstungen bis ins Spätmittelalter. Sie befinden sich nun im Bereich des jüngeren jüdischen Wohngebiets. Dieses entstand schon vor 1096 im Süden der historischen Innenstadt. Nach dem Kreuzzugspogrom von 1096 verlagerte sich der jüdische Siedlungsschwerpunkt hierher. Zu Beginn des 12. Jahrhunderts ließen die Juden hier von christlichen Bauleuten ihr neues Gemeindezentrum mit Synagoge (1104) und Ritualbad (vor 1128) errichten. In der Folgezeit entstanden noch weitere Gemeindebauten. Über 400 Jahre lebten Juden in diesem Stadtviertel. Im mittelalterlichen Speyer gab es kein von den Wohngebieten der Christen abgetrenntes jüdisches Ghetto wie etwa die Judengasse von Worms und Frankfurt.

Der mittelalterliche Judenhof und seine Bauten: Der Judenhof umfasst den Kernbereich des jüdischen Siedlungsgebietes in der südöstlichen Innenstadt. Hier ließen die Juden zu Beginn des 12. Jahrhunderts die für ihre religiösen Bedürfnisse notwendigen Bauten errichten. Die Synagoge wurde am 21. September 1104 geweiht und das Ritualbad noch vor 1128 erbaut. Nach 1195 wurde die nördliche Eingangshalle an die Synagoge angebaut. Nach 1220/1230 erfolgte die Errichtung des Frauenbetraumes und des kleinen gotischen Baus an der Nordostecke der Synagoge. Eine Reihe weiterer Bauten kennen wir bislang nur aus der schriftlichen Überlieferung, teils erst des 14. und 15. Jahrhunderts, was eine frühere Existenz nicht ausschließt: Das Tanzhaus, modern gesprochen der Gemeindesaal, die Jeschiwa als theologische Hochschule der Gemeinde, eine Bäckerei, ein Hospiz, ein Warmbad. Das Gelände des Judenhofs war im Mittelalter wesentlich weitläufiger. Nur der kleinere Teil, allerdings mit den Überresten der wichtigsten Gemeindeeinrichtungen, blieb erhalten. Spätestens seit 1529 wurde nach dem Niedergang der mittelalterlichen Judengemeinde der Judenhof als reichsstädtisches Arsenal benutzt. Die oberirdischen Teile wurden 1689 während des Pfälzischen Erbfolgekrieges zerstört.

Die gotische Frauenschul – Umbauten der Synagoge: Im späten 13. Jahrhundert erhielt die romanische Synagoge im Süden einen Anbau aus Backstein. Er diente den Frauen als eigener Betraum mit einem heute nicht mehr erkennbaren Portal in der Westwand. Um eine akustische Teilnahme der Frauen am Gottesdienst der Männer zu ermöglichen, wurde die Synagogenwand mit sechs kleinen Hörfensterchen durchbrochen. Ganz im Westen öffnete sich nun eine kleine Tür zwischen beiden Räumen. Die Frauenschul besaß vermutlich auf allen Seiten Wandbänke, von denen nur die der Nordwand erhalten ist. Zum Zeitpunkt der Grabung waren noch die Abdrücke von Holzdielenauflagen im Mörtel zu erkennen. Unter dem heute sichtbaren nachmittelalterlichen Boden aus Backstein sind die Abdrücke des mittelalterlichen Plattenbodens im Mörtelbett erhalten. Es bestand aus kleinen, quadratischen, vermutlich mit verschiedenen Motiven verzierten Tonfliesen. Die Frauenschul war ursprünglich flach gedeckt, das Licht fiel durch spitzbogige Fenster. Im 14. Jahrhundert erhielt der Raum ein zweischiffiges, dreijochiges Gewölbe (zwei Stützen). Die beiden Konsolen in der Ostwand sind noch im heutigen Bauzustand gut erkennbar. Farbreste an den Gewölberippen im archäologischen Fundgut zeigen, dass der Raum farbig gefasst war. Auch in der Synagoge fanden verschiedene Umbauten in Backstein statt: Die Treppenwangen zur Tora-Nische wurde vergrößert und reichten nun deutlich weiter in den Raum hinein. Die Ostwand erhielt neue Fenster. Vielleicht stehen sie in Zusammenhang mit einer Neugestaltung der Tora-Nische. Im späten 13. Jahrhundert wurde auch die Synagoge mit einer umlaufenden, aus Backstein gemauerten Wandbank ausgestattet, die auf der Seite der Hörfensterchen jedoch bald wieder entfernt wurde: Vielleicht litt die Konzentration der Männer aufs Gebet unter der Nähe zum weiblichen Geschlecht.

Im Jahr 2001 fanden hier archäologische Grabungen statt, 2001-2004 wurde das aufgehende Mauerwerk bauarchäologisch untersucht und in der Folge restauriert.

Die romanische Männersynagoge: 1104 fand die Weihe der bis heute erhaltenen romanischen Männersynagoge statt. Sie ist seither nur noch relativ geringfügig verändert worden und bis 1490 als Synagoge genutzt worden. Zentral im Raum erhob sich die Bima (Almemor), das architektonisch aufwendig gestaltete Podest zum Lesen der Tora. Heute ist ihre Stelle kenntlich durch die grobe Pflasterung, die die Ausbruchgrube der nach 1490 abgebrochnenen Bima schleißt. Im Osten führten etwa drei Stufen zum Toran-Schrein in einer halbrunden Nische, in dem Tora-Rollen aufbewahrt wurden. Die architektonische Gestaltung ist unklar und aus den erhaltenen Resten nicht genauer zu erschließen. Ebenfalls auf der Ostwand ist ein Detail der Innenraumgestaltung etwas über Augenhöhe erkennbar: größtenteils gelbe, besonders lange Sandsteinquader sind Reste eines hier abgearbeiteten Lichtgesimses. Der zum Zeitpunkt seiner Freilegung gut erhaltene Fußboden, bestehend aus Sandsteinplatten, ist über die rund 400 Jahre der Nutzungszeit der Synagoge immer nur in Teilen ausgebessert, aber nie ganz erneutert worden. Die Archäologie hat gezeigt, dass er direkt auf Schichten des 11./frühesten 12. Jahrhunderts liegt.

Westwand: Baufugen und unterschiedliche Fundamentierungstechnik ließen erkennen, dass man um 1200 eine neue Westwand errichtet hat. Vielleicht war dieser Teil der Synagoge durch den überlieferten Brand von 1195 so sehr beschädigt, dass man ihn ganz erneuerte. Die alten Doppelbogenfenster von um 1100 wurden dabei übernommen und verblieben bis 1899 an dieser Stelle. Außerdem erhielt die Synagoge im Norden eine Vorhalle, die die Breite der heutigen Judenbadgasse einnahm. (Quellen: Tafeln im Judenhof)

Abschriftlich ein Info-Service von Michael Ohmsen

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Michael Ohmsen on November 4, 2012

Das jüdische Speyer im Mittelalter: Die erste jüdische Siedlung entstand auf Initiative des Bischofs Rüdiger 1084 bei dem nördlich der Innenstadt gelegenen Dorf Altspeyer. Diese Siedlung war befestigt und wurde von den Juden und Knechten gesichert. Dort wurde auch die erste Synagoge von Speyer errichtet. Die Existenz eines Ritualbades darf angenommen werden. Spuren der Siedlung Altspeyer sind nicht erhalten. Westlich dieser Siedlung erhielt die Jüdische Gemeinde 1084 als Geschenk des Bischofs Rüdiger einen Friedhof. Dieser bestand trotz wiederholter Schändungen und Verwüstungen bis ins Spätmittelalter. Sie befinden sich nun im Bereich des jüngeren jüdischen Wohngebiets. Dieses entstand schon vor 1096 im Süden der historischen Innenstadt. Nach dem Kreuzzugspogrom von 1096 verlagerte sich der jüdische Siedlungsschwerpunkt hierher. Zu Beginn des 12. Jahrhunderts ließen die Juden hier von christlichen Bauleuten ihr neues Gemeindezentrum mit Synagoge (1104) und Ritualbad (vor 1128) errichten. In der Folgezeit entstanden noch weitere Gemeindebauten. Über 400 Jahre lebten Juden in diesem Stadtviertel. Im mittelalterlichen Speyer gab es kein von den Wohngebieten der Christen abgetrenntes jüdisches Ghetto wie etwa die Judengasse von Worms und Frankfurt.

Der mittelalterliche Judenhof und seine Bauten: Der Judenhof umfasst den Kernbereich des jüdischen Siedlungsgebietes in der südöstlichen Innenstadt. Hier ließen die Juden zu Beginn des 12. Jahrhunderts die für ihre religiösen Bedürfnisse notwendigen Bauten errichten. Die Synagoge wurde am 21. September 1104 geweiht und das Ritualbad noch vor 1128 erbaut. Nach 1195 wurde die nördliche Eingangshalle an die Synagoge angebaut. Nach 1220/1230 erfolgte die Errichtung des Frauenbetraumes und des kleinen gotischen Baus an der Nordostecke der Synagoge. Eine Reihe weiterer Bauten kennen wir bislang nur aus der schriftlichen Überlieferung, teils erst des 14. und 15. Jahrhunderts, was eine frühere Existenz nicht ausschließt: Das Tanzhaus, modern gesprochen der Gemeindesaal, die Jeschiwa als theologische Hochschule der Gemeinde, eine Bäckerei, ein Hospiz, ein Warmbad. Das Gelände des Judenhofs war im Mittelalter wesentlich weitläufiger. Nur der kleinere Teil, allerdings mit den Überresten der wichtigsten Gemeindeeinrichtungen, blieb erhalten. Spätestens seit 1529 wurde nach dem Niedergang der mittelalterlichen Judengemeinde der Judenhof als reichsstädtisches Arsenal benutzt. Die oberirdischen Teile wurden 1689 während des Pfälzischen Erbfolgekrieges zerstört.

Die gotische Frauenschul – Umbauten der Synagoge: Im späten 13. Jahrhundert erhielt die romanische Synagoge im Süden einen Anbau aus Backstein. Er diente den Frauen als eigener Betraum mit einem heute nicht mehr erkennbaren Portal in der Westwand. Um eine akustische Teilnahme der Frauen am Gottesdienst der Männer zu ermöglichen, wurde die Synagogenwand mit sechs kleinen Hörfensterchen durchbrochen. Ganz im Westen öffnete sich nun eine kleine Tür zwischen beiden Räumen. Die Frauenschul besaß vermutlich auf allen Seiten Wandbänke, von denen nur die der Nordwand erhalten ist. Zum Zeitpunkt der Grabung waren noch die Abdrücke von Holzdielenauflagen im Mörtel zu erkennen. Unter dem heute sichtbaren nachmittelalterlichen Boden aus Backstein sind die Abdrücke des mittelalterlichen Plattenbodens im Mörtelbett erhalten. Es bestand aus kleinen, quadratischen, vermutlich mit verschiedenen Motiven verzierten Tonfliesen. Die Frauenschul war ursprünglich flach gedeckt, das Licht fiel durch spitzbogige Fenster. Im 14. Jahrhundert erhielt der Raum ein zweischiffiges, dreijochiges Gewölbe (zwei Stützen). Die beiden Konsolen in der Ostwand sind noch im heutigen Bauzustand gut erkennbar. Farbreste an den Gewölberippen im archäologischen Fundgut zeigen, dass der Raum farbig gefasst war. Auch in der Synagoge fanden verschiedene Umbauten in Backstein statt: Die Treppenwangen zur Tora-Nische wurde vergrößert und reichten nun deutlich weiter in den Raum hinein. Die Ostwand erhielt neue Fenster. Vielleicht stehen sie in Zusammenhang mit einer Neugestaltung der Tora-Nische. Im späten 13. Jahrhundert wurde auch die Synagoge mit einer umlaufenden, aus Backstein gemauerten Wandbank ausgestattet, die auf der Seite der Hörfensterchen jedoch bald wieder entfernt wurde: Vielleicht litt die Konzentration der Männer aufs Gebet unter der Nähe zum weiblichen Geschlecht.

Im Jahr 2001 fanden hier archäologische Grabungen statt, 2001-2004 wurde das aufgehende Mauerwerk bauarchäologisch untersucht und in der Folge restauriert.

Die romanische Männersynagoge: 1104 fand die Weihe der bis heute erhaltenen romanischen Männersynagoge statt. Sie ist seither nur noch relativ geringfügig verändert worden und bis 1490 als Synagoge genutzt worden. Zentral im Raum erhob sich die Bima (Almemor), das architektonisch aufwendig gestaltete Podest zum Lesen der Tora. Heute ist ihre Stelle kenntlich durch die grobe Pflasterung, die die Ausbruchgrube der nach 1490 abgebrochnenen Bima schleißt. Im Osten führten etwa drei Stufen zum Toran-Schrein in einer halbrunden Nische, in dem Tora-Rollen aufbewahrt wurden. Die architektonische Gestaltung ist unklar und aus den erhaltenen Resten nicht genauer zu erschließen. Ebenfalls auf der Ostwand ist ein Detail der Innenraumgestaltung etwas über Augenhöhe erkennbar: größtenteils gelbe, besonders lange Sandsteinquader sind Reste eines hier abgearbeiteten Lichtgesimses. Der zum Zeitpunkt seiner Freilegung gut erhaltene Fußboden, bestehend aus Sandsteinplatten, ist über die rund 400 Jahre der Nutzungszeit der Synagoge immer nur in Teilen ausgebessert, aber nie ganz erneutert worden. Die Archäologie hat gezeigt, dass er direkt auf Schichten des 11./frühesten 12. Jahrhunderts liegt.

Westwand: Baufugen und unterschiedliche Fundamentierungstechnik ließen erkennen, dass man um 1200 eine neue Westwand errichtet hat. Vielleicht war dieser Teil der Synagoge durch den überlieferten Brand von 1195 so sehr beschädigt, dass man ihn ganz erneuerte. Die alten Doppelbogenfenster von um 1100 wurden dabei übernommen und verblieben bis 1899 an dieser Stelle. Außerdem erhielt die Synagoge im Norden eine Vorhalle, die die Breite der heutigen Judenbadgasse einnahm. (Quellen: Tafeln im Judenhof)

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  • Uploaded on April 20, 2010
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    by Michael Ohmsen

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