Vézelay, Abteikirche Sainte-Madeleine 1990 - Kapitell "David in der Löwengrube"

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VÉZELAY - ABTEIKIRCHE SAINTE-MADELEINE

Ab 1096-1104 (Unterbrechung)

Langhaus 1120-1140

Vorkirche 1140-1152

Neben Cluny und den davon abhängigen Bauten tritt in Burgund noch eine zweite Gruppe von Bauten auf mit den Hauptwerken in Ancy-le-Duc, Avallon und Vézelay. Sie unterscheiden sich von Cluny durch vereinfachten Aufriss, weniger kühne Konstruktion und breitere Proportionierung. Dem Cluny eigenen Streben nach Raumhöhe und nach plastischem Schmuck stellt sich nun eine Ästhetik entgegen, die Ausgewogenheit und die Oberfläche der Wand in der Vordergrund rückt.

Vézelay gehört neben Santiago de Compostela und Rom zu den bedeutendsten und berühmtesten Wallfahrtsheiligtümern des Abendlandes.

Chor und Querschiff 1104 vollendet, sind aber E12 durch einen gotischen Neubau ersetzt worden. Nach einem Brand von 1120 erfolgte der Ausbau des Langhaus, das 1140/50 fertiggestellt war. Dem kühnen Entwurf des Langhauses war jedoch der volle Erfolg versagt. Man musste auf Zuganker aus Holz zurückgreifen und wartete im Übrigen auf die Konstruktion der gotischen Strebepfeiler, die Viollet-le-Duc 1860 restaurieren musste. Kreuzgratgewölbe zwischen kräftigen Gurten statt - wie in Cluny - Spitztonne, eine Lösung, für die es nirgends im damaligen Frankreich, sondern allein in Speyer eine Parallele gibt (Speyer-Gewölbe 1080). Hier zeigt sich die besondere Situation der burgundischen Schule, ihre Lage zwischen der cluniazensisch-französischen Einflusssphäre und der des Rheinlandes. Bis dahin war dieser Gewölbetyp in Burgund lediglich den Seitenschiffen vorbehalten. Die 4 Kappen des Gewölbes erlaubten eine Verteilung des Schubes in die Winkel, wo sie sich im Innern der Dienste verloren. Die Ansätze der Gewölbe an den Seitenwänden ließen große Lünetten entstehen, in die ohne Gefahr Fenster eingebrochen werden konnten.

Wandaufriss zweigeschossig. Gegenüber Cluny und Autun wirkt das Mittelschiff breit und gelagert. Die Folge von 10 großen Jochen zusammen mit den tief ansetzenden Gratgewölben betonen den Längszug. Die Gratgewölbe erlauben die Anbringung von Fenstern in der Gewölbezone im Gegensatz zu Tonne.

Zwischen 1145 und 1152 wird vor das lang gestreckte Schiff noch eine 3s, 3j Vorkirche mit Emporen angebaut, die nun in Abhängigkeit von Cluny steht, den Typus einer Vorkirche von dort übernimmt.

L-64 (zwischen Vorhalle und Vierung) B-10,6 H-18,5.

Langhaus einschließlich der Seitenschiffe B-23 gegenüber 14 in Anzy-le-Duc.

PORTALE

Um 1125-30

Hauptportal:

„Aussendung der Apostel“. Ein Werk des „Meisters von Cluny“, der die dortigen 8 Kapitelle geschaffen hat. Bei verhaltener, ausdrucksvoller Erregtheit eine großartig monumentale Bildhaftigkeit. Christus, umgeben von Aposteln. In den Archivolten verschiedene Volksgruppen, denen das Evangelium bereits verkündet wurde.

Türsturz: Römer, Riesen, Pygmäen, Panotier (Sanotier) mit großen Ohren, Völker, die das Evangelium nicht kennen oder zurückweisen.

Gewände rechts: Petrus und Paulus.

Lit.:

Skulptur. Von der Antike bis zum Mittelalter. 8. Jahrhundert v. Chr. bis 15. Jahrhundert [1991]. Hrsg. von Jean-Luc Daval. Köln 1999, S. 246, 283.

Nordportal: „Geheimnisse aus dem Leben des auferstandenen Christus“. Links: Jesus auf dem Weg nach Emmaus begegnet zwei Jüngern, die ihn (rechts) erst erkennen, als er das Brot bricht. Das verkünden sie den anderen. Oben: Erscheinung oder Himmelfahrt.

Südportal: „Geheimnisse der Kindheit Jesu“. Links: Verkündigung. Mitte: Heimsuchung. Rechts: Verkündigung an die Hirten, Geburt. Oben: Drei Weise beten das Kind an. Gerichtsengel am Südportal.

KAPITELLE

1125/40

Von den 99 Kapitellen im Kirchenschiff sind nur 6 figürliche und 2 dekorative Kapitelle im 19. Jh. völlig ersetzt worden (getreue Nachbildungen der Originale). Der „Meister von Cluny“, dem auch das Portal von Vézelay zugeschrieben wird, hat von den uneinheitlichen Kapitellen des Langhauses nur wenige gefertigt, die Mystische Mühle, das Goldene Kalb, den Bau der Arche Noah und die Opfer Kains und Abels (Durliat S. 128)

Die figürlichen Kapitelle entlehnen den größten Teil ihrer Themen Texten des AT und NT und der Vita der Heiligen. Man findet auch eine Anzahl moralisierender Themen, wie die Bestrafung der Laster, darüber hinaus allegorische Darstellungen und Szenen aus der griechisch-lateinischen Mythologie. Die eigentliche „Geschichte“ entfaltet sich im Allgemeinen auf den drei Seiten des Kapitellrumpfes und liest sich meistens von links nach rechts. Die dekorativen Kapitelle zeigen Darstellungen aus der orientalischen Tierwelt.

Nr. 20: Johannes der Täufer. Ein Jünger fragt Christus, ob der der Messias sei.

Nr. 21: Vorwürfe des Propheten Nathan gegen König David. David klopft an seine Brust als Zeichen seiner Reue über seine Fehler.

Nr. 4: Simson und der Löwe.

Nr. 11: Joseph und die Frau des Potiphar.

Nr. 28: Versuchung des hl. Benedikt. Benedikt segnet eine Sünderin.

Nr. 27: Isaak segnet Jakob, der seine Hände mit Tierhäuten überzogen hat.

Nr. 33 David in der Löwengrube.

Nr. 18: Die Winde

Nr. 8: Die Wollust (Luxuria) und die Verzweiflung.

Nr. 57: Der Tod Absaloms.

Nr. 54: Moses und das goldene Kalb.

Nr. 50: Begräbnis des heiligen Eremiten Paulus.

Nr. 49: Die Legende der heiligen Eugenia. Eugenia, Tochter des heidnischen Richters Philipp, trat ohne Angabe des Geschlechtes in ein Männerkloster ein und wurde wegen ihrer Heiligkeit sogar zum Abt gewählt. Eines Tages wurde sie von einer Frau angeklagt, sie habe sie vergewaltigt. Vor dem Richterstuhl ihres Vaters konnte sie nicht anders ihre Unschuld beweisen und „die Ehre Gottes retten“ als dadurch, dass sie ihren Habit öffnete, um ihre Brust zu zeigen und ihre Identität erkennen zu lassen. Wir sehen sie hier zwischen ihrer üblen Verleumderin, die tückisch und enttäuscht dreinschaut, und Philipp, der mit Recht sehr erstaunt ist.

Nr. 46: Vision des hl. Antonius.

Nr. ? Die mystische Mühle. Diese Szene ist eine wunderbare Darstellung des mittelalterlichen bildhaft-symbolischen Denkens, das uns heute so schwer verständlich ist und teilweise absurd erscheint. Ein Mann im kurzen Gewand mit Schuhe an den Füßen schüttet Korn in eine Mühle, während ein barfüßiger anderer, bekleidet mit einer weißen Toga, das Mehl auffängt. Was heißt das? Die Erklärung wird Ihnen wahrscheinlich abenteuerlich vorkommen. In der ersten Gestalt muss man Moses sehen; im Korn, das er in die Mühle schüttet, das Gesetz des AT, das er von Gott am Berg Sinai erhalten hat. In der Mühle, die das Korn mahlt, wird symbolisch Christus dargestellt (das Rad ist mit einem Kreuz bezeichnet). In dem Menschen, der das Korn auffängt, wird der Apostel Paulus gezeigt, und im Mehl selbst das Gesetz des Neuen Bundes, die neue Gerechtigkeit. Das Gesetz des Moses enthielt zwar die Wahrheit, aber es war eine verborgene Wahrheit, so verborgen wie das Mehl im Korn. Durch das Opfer Christi am Kreuz ist es in dieses Mehl verwandelt worden, das man in sich aufnehmen kann, indem man es zu Brot weiterverarbeitet: das neue Gesetzt des Evangeliums Jesu Christi, das der hl. Paulus durch Gottes Auftrag annahm, um es weiter zu verbreiten. Mit solchen Bildern wurde jahrhundertelang dem einfachen Volk das Evangelium vermittelt, indem die Priester beispielsweise die bekannten Bilder des alltäglichen Lebens, hier der Landwirtschaft christlich umdeuteten. Aber die Bibel selber arbeitet ja schon mit solchen Mitteln.

CHOR-NEUBAU 1198-1206

Lit.:

BF(Nord)427;

Bußmann, Klaus: Burgund. Köln [1977] 2. Auflage 1978. (DuMont Kunst-Reiseführer), S. 169, FT7-11, Abb101-113;

Durliat, Marcel: Romanische Kunst. Freiburg-Basel-Wien 1983. S.536, FT-45, Abb.179,183,184,201-209,810-812,949;

Erlande-Brandenburg, Alaine: Gotische Kunst. Freiburg-Basel-Wien 1984. FT-15, Abb. 703-705;

Adam, Ernst: Vorromanik und Romanik. Frankfurt 1968. S. 152;

Tetzlaff, Ingeborg: Romanische Portale in Frankreich. Köln 1977., Abb. 84-87;

Tetzlaff, Ingeborg: Romanische Kapitelle in Frankreich. Köln [1976] 3. Auflage 1979, Abb. 94-97;

Perceval, Alain: Flugbild Frankreich. Zürich / Freiburg 1979, Abb. 107;

Pevsner, Nikolaus: Europäische Architektur von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 31973, S. 87;

Bazin, Jean-François: Liebenswertes Burgund. 1987, S. 4,22;

Minne-Sève, Viviane: Romanische Kathedralen und Kunstschätze in Frankreich. Eltville 1991, S. 56,

Unter dem Himmel von Frankreich. Luftbilder einer einzigartigen Kulturlandschaft. Fotografien von Daniel Philippe. Text und Textauswahl von Claire Julliard (1991). Köln 1992, S. 214-215

Toman, Rolf (Hrsg.): Die Kunst der Romanik. Architektur - Skulptur - Malerei. Köln 1996, S. 276

Ruetz, Michael: Frankreich. München 1990, S. 91

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Comments (1)

Wensky on October 16, 2011

1125/40 Von den 99 Kapitellen im Kirchenschiff sind nur 6 figürliche und 2 dekorative Kapitelle im 19. Jh. völlig ersetzt worden (getreue Nachbildungen der Originale). Der „Meister von Cluny“, dem auch das Portal von Vézelay zugeschrieben wird, hat von den uneinheitlichen Kapitellen des Langhauses nur wenige gefertigt, die Mystische Mühle, das Goldene Kalb, den Bau der Arche Noah und die Opfer Kains und Abels (Herder Romanik, Durliat S. 128) Die figürlichen Kapitelle entlehnen den größten Teil ihrer Themen Texten des AT und NT und der Vita der Heiligen. Man findet auch eine Anzahl moralisierender Themen, wie die Bestrafung der Laster, darüber hinaus allegorische Darstellungen und Szenen aus der griechisch-lateinischen Mythologie. Die eigentliche „Geschichte“ entfaltet sich im Allgemeinen auf den drei Seiten des Kapitellrumpfes und liest sich meistens von links nach rechts. Die dekorativen Kapitelle zeigen Darstellungen aus der orientalischen Tierwelt.

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Photo taken in Maison du Parc, Parc Naturel Régional du Morvan, 58230 Saint-Brisson, France

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