Saint-Benoît-sur-Loire, Abteikirche, Nordportal 1992

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ST–BENOÎT–SUR–LOIRE

Die Abtei wurde vom 11. – 13. Jahrhundert erbaut. Es ist eine der berühmtesten romanischen Klosterkirchen Frankreichs und war im Mittelalter eine der bedeutendsten Stätten der klösterlichen Kultur und eine weit bekannte Wallfahrtsstätte. 1944 fand sich erneut eine Gemeinschaft von Benediktinern zusammen und 1959 erhielt Saint–Benoît den Rang einer Abtei zurück.

Der markante Eingangsbau wurde in der 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts errichtet. Die Eingangshalle war damals in dieser Form einzigartig und ohne Vorbild, hat aber einige Nachahmer gefunden (Paray–le–Monial). Besonders die ästhetische Behandlung des Mauerwerks ist hervorragend.

Die mächtigen Pfeiler dieser Vorhalle sind an allen vier Seiten von Halbsäulen umstanden, deren Kapitelle zu den bedeutenden plastischen Kunstwerken der Kirche gehören. Die Kapitelle sind in ihrer Form nicht einheitlich, sind demnach im 11. Jahrhundert von verschiedenen Schulen hergestellt worden.

Teilweise handelt es sich um relativ flach gehaltene Kapitelle, die lediglich ornamentalen Schmuck zeigen. Andere sind aber auch sehr in die Tiefe gearbeitet und schildern historische oder biblische Szenen. Auf einigen Kapitellen ist die gesamte zur Verfügung stehenden Fläche mit zahlreichen Einzelmotiven so dicht überzogen, dass fast der Eindruck von unübersichtlichem Gewirr, fast das Bild eines Ornamentes entsteht, wie das bei vielen frühromanischen Kunstwerken des germanischen Nordeuropa der Fall ist. Wo kommt diese Darstellungsform her?

Viele dieser sehr alten Kapitelle orientieren sich in ihrer Gestaltung und ihrer Themenwahl an urtümlicher Goldschmiedekunst und an vorromanischen, besonders irischen Buchmalereien, die damals vorbildlich waren (vergl. das berühmte Book of Kells, das im Irland des 8. Jahrhunderts entstanden ist). Auf den Kapitellen erscheinen daher ebenfalls – wie auch in der Buchmalerei – häufig verschlungene Windungen und dämonische Tiere, die Rücken an Rücken stehen oder sich einander zuwenden und insgesamt ein Bild dichter, intensiver und übersteigerter Dekoration ergeben. Einige dieser Motive stammen über ebenfalls verschlungene Wege aus den Tiefen Asiens und sind z. T. deswegen heute kaum mehr verständlich.

Kapitell: die Flucht nach Ägypten. Diese Figuren wirken noch sehr archaisch und wie erstarrt. Das wird sich später in der französischen Plastik grundlegend ändern. Auch hier ist die gesamte Fläche so dicht mit einzelnen Erzählungen überzogen, dass sich fast das Bild eines Ornamentes ergibt.

Kapitell: die Mantelteilung links und die Glorie des hl. Martin rechts. Der hl. Martin ist in dieser Region so etwas wie ein Lokalheiliger. Er ist auch hier in der Nähe begraben. Die Abtei von St–Benoît war eine Pilgerkirche und daher haben die Kapitelle auch hier die Bedeutung, die Pilger im Glauben zu stärken, zu belehren und zu trösten.

Kapitell: eine spiegelbildliche Gruppe von aufeinander stehenden Raubtieren, dazwischen auf drei Höhenebenen Menschenköpfe, von denen vor allem der zentrale Kopf oben in der Mitte bemerkenswert ist, aus dessen Mund nach beiden Seiten jeweils ein Strang ausgeht, an dessen Enden sich vierblättrige Blüten befinden. Dass die vier Tiere zusammen ein Kreuz bilden, ist ein christliches, positives Symbol.

Auf romanischen Kapitellen endet der Schwanz von Tieren – besonders bei Löwen – häufig in einem Trinitätssymbol und verweist damit auf die Auferstehung nach dem Tod. Meistens ist dieses Symbol dreiblättrig, da solche Pflanzen wegen der Bedeutung der Zahl Drei stets ein himmlisches Zeichen sind, aber auch die Lilienblüte und der Pinienzapfen haben diese Symbolik, und um so etwas könnte es sich hier handeln. Immer wieder werden seltsamerweise bei sonst bösartigen Tieren die himmelwärts gerichteten Enden ihrer Schweife derartig gestaltet. Der Sinn einer solchen Darstellung scheint darin zu liegen, dass das Ungeheuer als das Sinnbild des leiblichen Todes gesehen wird, nach dessen Überwindung den Erwählten das ewige Heil erwartet.

Der Blick in das Gewölbe beweist, dass man sich hier noch sehr am Anfang jener Baukunst befunden hat, die später zu einer Domäne der nordeuropäischen Architektur werden sollte. Hier sind die Steine noch senkrecht gestellt und mit reichlich Mörtel versehen.

Der Innenraum von St–Benoît ist mit einer Länge von 112 Meter in seinen Dimensionen gewaltig. Dieser Innenraum steht in der Entwicklung der Architektur so halb zwischen Romanik und Gotik. Der Chor stammt noch aus dem 11. Jahrhundert und ist natürlich rein romanisch. Das Mittelschiff wurde aber von 1150–1218 neu gebaut und besitzt schon eine frühgotische Wölbung. Die Bogenöffnungen vom Mittelschiff zu den Seitenschiffen sind schon ganz leicht spitzförmig. Das wären also die gotischen Elemente.

Ansonsten zeigt dieser Raum aber deutlich romanischen Charakter. Die Schwere der Mauer und die Fläche der Wand sind betont. Die mächtigen quadratischen Pfeiler sind – wie in der Vorhalle – von Halbsäulen umgeben, von denen die innen liegende sich als starker Dienst bis ins Gewölbe hochzieht und dadurch dem Raum einen spürbaren vertikalen Zug verleiht.

Auffallend ist, dass von einem Triforium hier noch keine Rede ist, nicht einmal von einem aufgeblendeten Bogengang. Hier wirkt noch die frühchristliche Tradition des Mauerbandes zwischen Arkaden– und Fensterzone nach, das ursprünglich mit Fresken bemalt war oder mit Mosaiken versehen. Eine weitere Besonderheit der Kirche, die im Chor noch deutlicher hervortreten wird, sind die Fenster, die in den Laibungen von Säulen begleitet sind. Damit werden die Fenster und das durch sie einströmende Licht zusätzlich architektonisch hervorgehoben.

Auch das schmale Seitenschiff hat trotz seines hohen, schlanken Raumes und des leichten Spitzbogens – wie das Mittelschiff – noch deutlich romanisch–festen Charakter.

Anders sieht das Bild im älteren Chor aus der Zeit zwischen 1067–1108 aus. Hier haben wir zwar wesentlich breitere Wandflächen als im Langhaus, aber dieser Chor besitzt eine schmale Blendgalerie, die direkt unterhalb der Fensterzone ansetzt. Der gesamte Chor dieser Pilgerkirche wird in mehrfacher Hinsicht in seiner Bedeutung durch architektonische Elemente hervorgehoben.

Im Chor standen der Altar und meistens auch eine oder mehrere bedeutende Reliquien, um die der Pilgerstrom herumgeleitet werden musste. So ist z. B. hier in Benoît der Bereich direkt um den Altar herum durch die darunter liegende Krypta emporgehoben. Die Fensterlaibungen im Chor sind – wie schon die im Mittelschiff – zusätzlich mit eingestellten Säulen versehen. Säulen waren mit ihren Kapitellen immer die plastisch anspruchsvollsten Elemente, auch die teuersten, und deshalb die typischen Mittel zur Betonung der Bedeutung einer Sache. Noch in der Malerei späterer Jahrhunderte diente eine beigestellte Säule als Herrschaftssymbol.

Wichtig war zu jener Zeit die Beleuchtung von Chor und Hauptschiff, da dem Licht vor allem in Pilgerkirchen wegen seiner mystischen Symbolkraft zentrale Bedeutung zukam. Hier geht St–Benoît 1067 dem Neubau von Cluny III voraus, der erst 1088 begonnen wurde.

Hier erhebt sich in 20 Meter Höhe eine Gurtentonne, die – im Gegensatz zu Cluny später – nicht eingestürzt ist. Unter den Gewölbeansätzen lassen große, wenig abgeschrägte Fenster reichlich Licht einfließen. Zwischen den Fenstern und dem Scheitel der Erdgeschossarkaden ist eine Reihe von durchgehenden Blendbögen ohne Rhythmisierung angebracht, die im Mauerverband sitzen, genauer: die zu einer Mauerschicht gehören, welche die Wand an der Innenseite verstärkt, um den Schub des Gewölbes abzufangen. Dieses Konzept wurde von anderen Kirchen aufgegriffen und auch in Cluny III beibehalten.

Bemerkenswert ist außerdem, dass nicht nur der Apsisbereich des Chores im Vergleich zum übrigen Bodenniveau angehoben ist, sondern die Säulen des Chorumgangs reichen auch nicht bis zum Boden, sondern sitzen auf einer Mauer auf, die den Altarbereich dadurch zusätzlich abtrennt und hervorhebt. Das war bei einer Pilgerkirche mit zeitweise großem Publikumsverkehr anscheinend notwendig. Übrigens bewegte sich der Pilgerstrom in der Regel von links nach rechts um den Altar herum, damit die geheiligte Reliquie aus der Sicht des Besuchers immer auf der – wortwörtlich – 'rechten' Seite liegt

Der Wandaufriss des Chores wird hier noch einmal besonders deutlich mit der schmalen Bogengalerie direkt unter den Fenstern und den eingestellten Ecksäulen in den Fenstergewänden, die natürlich alle ihre eigenen Kapitelle und jeweils anders gestaltete Kämpferzonen haben.

Wenn man sich diese mit äußerster Sorgfalt und hohem künstlerischen Anspruch geschaffenen kleinen Meisterwerke ansieht, kann man nur bedauern, dass die Originale unter normalen optischen Bedingungen in dieser Form für das menschliche Auge kaum wirksam werden können – und der mittelalterliche Betrachter hatte ja nur diese optische Möglichkeiten zur Verfügung.

Vom Sinn der Kapitelle

Wenn man als moderner Mensch mit Stativ und Teleobjektiv sich dieser Objekte optisch bemächtigt, wenn man durch lange Belichtungszeiten eine Deutlichkeit künstlich erzeugen kann, die vor dem Original bei weitem nicht gegeben ist, dann fragt man sich, für wen das eigentlich geschaffen wurde. Teilweise liegen diese Kapitelle in einer Höhe von zehn Metern in einem vergleichsweise dunklen Raum. Auch die Fotos, mit denen die Kunstgeschichte arbeitet, geben eigentlich künstliche Situationen wieder, die dem normal Sehenden in dieser Kirche niemals gegeben waren. Man kann also durchaus behaupten, dass durch die technischen Möglichkeiten der Fotografie Erlebensformen zur mittelalterlichen Kunst erschlossen worden sind, die über die zeitgenössischen hinausgehen.

Es war in den Jahrhunderten der Antike und des Mittelalters bei bestimmten Kunstwerken wichtiger, dass sie vorhanden waren, als dass sie gesehen wurden. Der berühmte Parthenonfries aus der klassischen griechischen Antike auf der Athener Akropolis beispielsweise war nicht nur im Tempelinneren angebracht, wo das Volk sowieso nie hineinkam, sondern auch noch so hoch oben, dass ihn nicht einmal die Priester richtig sehen konnten.

Diese Kunstwerke waren symbolisch für „die Götter bestimmt“ und das gilt offenbar zum Teil auch von den Kapitellen in Autun und hier in Benoît. In Vézelay z. B. sieht das anders aus. Da ist nicht nur die Kirche heller, da sind die Kapitelle auch niedriger angebracht. Aber auch dort gibt es auf der Mittelschiffseite Kapitelle direkt unter der Fensterzone, die sich dem menschlichen Sehen weitgehend entziehen. Und genau wie in Autun hilft hier das Teleobjektiv.

Welche Gestaltungsvielfalt in dieser Abteikirche herrscht, kann an Kapitellen aus dem Chorbereich demonstriert werden. Auch hier gibt es wieder zwei der typischen Mischwesen: zwei Adlerkörper mit Menschenköpfen und Rinderhufen, getrennt durch eine sich verschlingende Pflanze mit sieben Blüten oder Wedeln. Es dürfte sich um eine Darstellung des vollkommenen Universums handeln oder um eine Anspielung auf die Erschaffung der Welt in sieben Tagen. Die Bedeutung der Zahl Sieben als Symbol für Vollkommenheit leitet sich daraus her, dass sie die Summe von Vier und Drei ist. Vier ist die Symbolzahl des irdischen Bereiches und Drei die des heiligen, beide zusammen also die gesamte Welt symbolisieren.

Lit.:

*Oursel, Raymond / Stierlin, Henri (Hrsg.): Romanik (= Architektur der Welt, Bd. 15), S. 92 ff

*Tetzlaff, Ingeborg: Romanische Kapitelle in Frankreich. Köln [1976] 3. Auflage 1979, S. 101/102

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Comments (1)

Wensky on October 26, 2011

um 1200

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  • Uploaded on October 26, 2011
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