Saint-Gilles, Abteikirche 1980 - Krypta

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Saint–Gilles

Direkt westlich von Arles liegt die Ortschaft Saint–Gilles, deren Abteikirche die bedeutendste romanische Fassade der Provence besitzt. Das gilt allerdings nur für die große Portalanlage. Denn der Rest ist ganz augenscheinlich nicht mehr original. Dieses Benediktinerkloster wurde schon im 7. Jahrhundert gegründet von dem Eremiten Aegidius, einem reichen Athener Kaufmann, der später Saint–Gilles genannt wurde und dem die Kirche geweiht ist (Aegidius ist einer der 14 Nothelfer.). Die Legende besagt, Aegidius, der im Jahr 721 gestorben ist, sei hier begraben. Im 12. Jahrhundert hatte die Stadt ihre größte Blüte erlebt und 1116 wurde auch der heutige Bau begonnen . Im 13. Jahrhundert hatte die Stadt 40.000 Einwohner, heute 9.000.

Die Kirche selber hat eine sehr unglückliche Geschichte erlebt. 1562 wurden im Zuge der Religionskriege die Mönche der Abtei lebend in den Brunnen der Krypta geworfen und die Kirche angezündet. 1622 wurde auch der Campanile abgerissen. Nur die Fassade blieb erhalten, allerdings auch das nur vorläufig.

Entstanden ist sie zwischen 1125 und 1150. Sie ist das reifste Beispiel romanischer Plastik in Süd–Frankreich. Auch diese Dreiportalanlage ist dem Kirchenbau vorgesetzt in der Art antiker Triumphbögen – wie schon bei St–Trophime in Arles. Und auch hier sind vor die Wand Freisäulen gestellt, wohinter sich in den sog. Kastennischen die Standbilder von Heiligen befinden.

Der amerikanische Kunsthistoriker C. Ferguson O’Meara hat vor wenigen Jahren eine interessante Theorie aufgestellt, nach der sich diese Art der Portalanlage nicht von römischen Triumphbögen herleitet, sondern von der Bühnenwand des römischen Theaters. Diese war in der Regel mit drei Toren versehen – und das mittlere, das dem Herrscher vorbehalten war, sollte im Theater auch in seiner Ausschmückung als „Königstor“ gekennzeichnet und herausgehoben werden. Und nach diesem Vorbild soll auch die Portalanlage von St–Gilles gestaltet worden sein.

Auf diese Fassade übertragen bedeutet dieser Zusammenhang, dass wir hier nicht nur formal eine sog. Antikennähe erleben, also einen historischen Rückschritt auf römische Formen, sondern dass diese Fassade darüber hinaus eine Übersetzung antiken Geistes in christliche Gedanken darstellt. Das Mittelportal des ehem. römischen Kaisers aus dem antiken Theaterbau wurde hier zum königlichen Portal des christlichen Erlösers, zum Hauptportal, das in die Kirche hinein führt, die als Bauwerk selber für das Himmlische Jerusalem steht.

„Auf die Fassade von St–Gilles übertragen bedeutet dieser Zusammenhang, dass wir hier nicht nur formal die für die Romanik der Provence bezeichnende Antikennähe erleben, sondern dass die Fassade darüber hinaus in einem inhaltlichen Sinne als Abbild der königlichen Heimstatt des Erlösers, des Himmlischen Jerusalems, die Übersetzung antiken Geistes in christliche Gedanken darstellt. Vor diesem Hintergrund gewinnt das Bildprogramm eine tiefere Dimension. Der Architrav, der sich über die ganze Fassade hinzieht, schildert szenenreich die Passion Christi. Es beginnt mit dem Einzug in Jerusalem ganz links und endet mit der Erscheinung Christi vor den Jüngern.“ (Droste, S. 208)

Beide Deutungen, die hier als Vorbild entweder einen Triumphbogen oder eine Theaterwand sehen, stehen sich aber doch nahe. Denn sowohl die Grundform eines Triumphbogens als auch die einer römischen Theaterwand gehen auf sehr ähnliche Grundvorstellungen zurück, wie man sich den architektonischen Rahmen für den Einzug eines siegreichen Herrschers vorstellen will. Und als solcher gilt eben auch Christus.

Der heutige Zustand dieser bedeutenden Anlage entspricht in vielen Teilen leider nicht mehr dem Original. Während der Französischen Revolution ist sie grausam verstümmelt und später aus den erhalten gebliebenen Bruchstücken wieder weitgehend zusammengesetzt worden. Daher erklärt sich der sehr unterschiedliche Erhaltungszustand der einzelnen Teile.

Das Tympanon des Mittelportales zeigt wieder die Majestas Domini umgeben von den Aposteltieren, die aber nur noch in Rudimenten erhalten sind. Auf dem Türsturz erkennt man links die Szene der Fußwaschung und rechts anschließend die breite Schilderung des Abendmahls.

Über die gesamte Portalanlage zieht sich der erste geschlossene Passionszyklus hin, der zugleich der umfangreichste der mittelalterlichen Skulptur ist. Der Fries des Türsturzes setzt sich auf der Wand fort. Links sieht man die Szene des Judas, der die Silberlinge entgegennimmt und rechts davon Christus, der die Händler aus dem Tempel vertreibt.

Der rechte Teil des Frieses zeigt die Szene „Christus vor Pilatus“ ganz links – ziemlich abgenutzt –, dann deutlicher erhalten die „Geißelung“ in der Mitte und rechts wieder weitgehend zerstört die „Kreuztragung“.

Obwohl hier in Saint–Gilles wie gesagt die Einzelszenen nur noch teilweise erhalten sind, lässt sich doch in etwa nachvollziehen, was generell für die Bildhauerkunst der mittelalterlichen Provence gilt. Sie ist gekennzeichnet durch eine große Fabulierfreude, die sich hier bei der Ausbreitung des Passionsgeschehens in allen Details entfaltet. Besonders eindringlich werden dabei die menschlichen Verhaltensweisen charakterisiert.

Von dem umfangreichen Programm an lebensgroßen Heiligenfiguren sind besonders die Gewändeplastiken des Mittelportals zu erwähnen, zunächst das linke Gewände mit Johannes dem Evangelisten und Jakobus den Älteren. Diese Figuren stehen wieder auf Menschen fressenden Löwen wie schon in Arles. An den Köpfen der großen Apostelfiguren wird zum wiederholten Mal klar, dass sich ideologische Zerstörungen mit Vorliebe auf das Gesicht richten. Die Szene des Frieses darüber zeigt Soldaten – in Fortsetzung der Geschichte von der Gefangennahme Christi, die links anschließt neben dem Abendmahl. Rechts an der Ecke ist der Judaskuß zu sehen.

Der Kircheninnenraum selber ist einfach und schlicht und bei weitem nicht mehr original.

Interessanter ist dagegen die riesige Krypta von 1180 in einer Größe von 50 x 25 Meter. In der Krypta befindet sich ein Brunnen, in dem 1562 im Rahmen der Religionsauseinandersetzungen mit den Hugenotten einige Mönche ertränkt wurden. Später hat man an gleicher Stelle eine Gedenkstätte errichtet. Hier unten war früher die Kirche der Mönche – groß genug ist der Raum. 1865 wurde das angebliche Grab von St–Gilles wieder entdeckt und sofort zu einem Wallfahrtsort.

Lit.:

*Toman, Rolf (Hrsg.): Die Kunst der Romanik. Architektur – Skulptur – Malerei. Köln 1996, S. 283.

*Droste, Thorsten: Die Provence. Köln [1986] 4. Auflage 1989, S. 208.

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  • Uploaded on October 31, 2011
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