Reims, Kathedrale Notre Dame 1984

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REIMS

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DER AUSSENBAU

Reims und Amiens stehen in der Tradition von Chartres. Die Kathedrale von Reims wurde im Jahr 1211 (Binding, S. 166) begonnen, ebenfalls nach einem verheerenden Brand 1210 wie Chartres – dasselbe gilt für Amiens wenige Jahre später 1218. Reims ist eine Art Nationalheiligtum der Franzosen, denn sie ist die Krönungskirche des französischen Königtums. Nach der Legende hatte Ende des 5. Jahrhunderts der hl. Remigius als Bischof von Reims den Frankenkönig Chlodwig getauft und mit einem vom Himmel herab gesendeten Öl gesalbt. Daraus leitete der Reimser Erzbischof das Recht ab, in seiner Kathedrale jeden neuen König von Frankreich zu krönen und zu salben. Dieser Bedeutung verdankt sie im 1. Weltkrieg eine viertägige Beschießung durch die deutsche Artillerie, eine militärisch völlig sinnlose Maßnahme, die lediglich die Demütigung der französischen Ehre zum Ziel hatte und in Frankreich lange Zeit unvergessen blieb. Das Dach und viele Skulpturen wurden dabei zerstört. Erst 1938 konnte die Kathedrale wieder in Gebrauch genommen werden, kurz bevor diese Region erneut unter deutsche Besatzung kam.

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DIE FASSADE

Die Fassade von Reims, die als die klassische und dynamisch ausgewogendste der französischen Hochgotik gilt, wurde – wahrscheinlich – in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts (Westfassade spätestens nach 1252 beg., Rosengeschoss um 1280, Türme bis etwa 1310) errichtet (Datierung strittig, s. Binding, Günther: Was ist Gotik? S. 248).

Hier ist der Entwicklungsgang von Laon wieder aufgegriffen worden: ein dominierendes Zentrum in der Mitte und eine mächtige Bewegung durch die ganze Fassade. Die Portalzonen sind weit nach vorne und mit ihren Wimpergen nach oben gezogen, über das erste Geschoss hinaus. Die zentrale Fensterrose ist diesmal original und nicht später eingebaut worden. Denn hier in Reims wurde endlich um 1215/20 von Jean d’Orbais das Maßwerk erfunden (Binding, Günther: Architektonische Formenlehre. Darmstadt 1980, S. 118: Chorkapelle 1211–1227). Das Wort ‚Maßwerk’ kommt von ‚Messwerk’ und bedeutet, dass diese Formen mit dem Zirkel konstruiert wurden, also geometrisch gestaltet sind.

Und diese neue Erfindung des Maßwerks hat man auch gleich in der Portalzone als Tympanon angewandt, eine völlig neue Idee, die für die Belichtung des dahinter liegenden Innenraumes große Bedeutung hat.

Die Fensterrose ist das absolute Zentrum dieser plastisch und dynamisch hoch bewegten Fassade. Diese Reimser Idee ist damals derart erfolgreich gewesen, dass zahlreiche Kathedralen ihre Westfassade nach diesem Vorbild umgeändert haben. Lediglich das große Radfenster von Laon aus der Zeit nach 1220 kann hier in gewisser Weise als Vorläufer gewertet werden.

Als großes Gegengewicht gegen das mächtige Portalgeschoss und die Rose im zweiten fungieren die bekrönende Königsgalerie und die dahinter gesetzten Türme. Die ganze Fassade mit ihren enormen Steinmengen ist eine rauschhafte Bewegung nach oben, was bei nächtlicher Beleuchtung noch dramatischer wirkt.

Die Türme sind nicht ganz vollendet worden, sondern sollten noch eine Spitze erhalten. Es sollten ursprünglich viel mehr werden, nämlich insgesamt zehn (Binding, Gotik, S. 140). Der große französische Denkmalpfleger des 19. Jahrhunderts Viollet–le–Duc hat auf der Grundlage von Reims ein „Idealbild einer gotischen Kathedrale“ gezeichnet, bei der sieben Türme als vollendet gegeben sind, was aber bei keiner einzigen Kathedrale Frankreichs tatsächlich erreicht wurde. Die unvollendeten Fassaden von Paris, von Reims hier und von Amiens, die zeitlich später liegt, muss man sich nach diesem Schema zu Ende gebaut vorstellen. So ergibt sich das paradoxe Verhältnis, dass das vollendete Idealbild einer französischen gotischen Zweiturmfassade nicht in Frankreich steht, sondern in Spanien und besonders in Deutschland: am Dom zu Köln. Aber auch diese Fassade blieb Jahrhunderte lang unvollendet.

Die Königsgalerie, von der einige Kunsthistoriker glauben, sie sei die erste der Kunstgeschichte und nicht die in Paris, war ursprünglich vergoldet. Sie zieht sich um das ganze Turmgeschoss herum, wie auch der plastische Schmuck die gesamte Kathedrale umgibt. Die insgesamt 56 Statuen der Königsgalerie haben eine Größe von 4,30 Meter und wiegen zwischen 6–7 Tonnen.

Reims besitzt insgesamt 2303 Skulpturen. Am Außenbau 211 in der Größe zwischen 3–4m, 126 mittlere und 936 kleine Statuen, außerdem Plastiken von 788 Tieren. Im Innenraum gibt es 191 mittlere Statuen und 50 Tiere. Diese Zahlen zeigen auch, in welchem Ausmaß eine solche Kathedrale als Gesamtkunstwerk zu sehen ist und nicht nur als Architektur. Die Ausbreitung dieser plastischen Bildwerke über alle Ebenen des Kirchengebäudes ist ein deutlicher Beweis für die Versinnlichung des Religiösen, die zu jener Zeit stattfand und die schon die Gewändefiguren von Chartres 1150 hervorgebracht hat.

In den Tabernakeln auf den Strebepfeilern stehen rings um die ganze Kirche 22 ursprünglich vergoldete Engel als symbolischen Schutz für die Kathedrale.

Die Erfindung des Maßwerks hat u. a. damit zu tun, dass Maßwerk zur Geometrie gehörte und damit zu den Sieben Freien Künsten, die Architektur aber nur zu den sozial niedriger eingestuften mechanischen Handwerken. Die Beschäftigung mit der Geometrie war also auch ein Schritt der Selbstaufwertung der Architekten. Hier fand eine Zusammenfassung von Einzelgliedern zu einer höheren Einheit statt, in diesem Fall der des Fensters. Einen ähnlichen Vorgang kann man im Innenraum an der Entwicklung der Kapitelle sehen.

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DIE PORTALSKULPTUREN

Die Reimser Portalskulpturen stehen denen von Chartres nicht nach und stammen auch aus der gleichen Zeit um 1220. Im Vergleich zu Chartres sind diese Standbilder in jedem Sinn von der Säule befreit und selbständig geworden, so dass sie zueinander in Beziehung treten können. Die Körper sind mächtig bewegte Massen mit breiten Schultern und kräftigen Gliedern, die Köpfe groß und schwer.

Rechtes Gewände des Mittelportales: Es ist deutlich zu erkennen, was schon für die Chartreser Bildhauerschule galt, nämlich dass hier sehr verschiedene Künstler gearbeitet haben mit verschiedenen stilistischen Idealen. Das linke Paar stellt die Verkündigung dar, die rechte Zweiergruppe ist die sog. Heimsuchung, also die Zusammenkunft der beiden ein Kind erwartenden Frauen Maria und Elisabeth (Lukas I, 39). Besonders das Gesicht der Maria, der zweiten Figur von rechts, hat die Klarheit, den Adel und die Großflächigkeit antiker Frauengestalten. Auch die Behandlung der Gewänder erinnert sehr an griechisch–römische Skulpturen im Gegensatz zu den nordeuropäischen Figuren auf der linken Seite des Gewändes.

Feinere Unterschiede lassen sich auch im linken Gewände erkennen. Die Szene der Darbringung im Tempel der beiden mittleren Figuren lässt sehr andersartige Auffassungen erkennen als die der Seitenfiguren. Die Statuen stammen aus zwei Werkstätten, denen jede wiederum von der des Heimsuchungsmeisters völlig verschieden ist. Maria und Simeon in der Mitte sind wenig bewegt und haben einen ruhigen, in sich gesammelten Ausdruck.

In den kräftig gebauten Köpfen herrschen einfache Züge vor, die nicht sonderlich individuell sind, sondern einem vorgegebenen Typus entsprechen. Die dicken Stoffe legen sich den Oberkörpern in großen glatten Flächen an, während sie von den Armen in schweren Falten herabfallen, dabei tiefe Täler und vollplastisch gewölbte Stege bilden und Raum und Schatten einfangen. Diese Menschen sind weder in antikischem Sinne idealisiert wie vorhin bei der Heimsuchung, noch seherisch oder dramatisch gesteigert, sondern erdnah menschlich und volkstümlich, durch ihre Gemessenheit aber mit Würde versehen.

Ganz anders ist der Meister, der links außen den Josef neben Maria und die Hannah neben Simeon gemeißelt hat. Die Körper sind schlanker und beginnen sich in den Hüften zu wiegen, die Schultern zu drehen und die Standfestigkeit zu verlieren. Die schmalen feinen Köpfchen sitzen beweglich auf dünnen Hälsen. Da die stoff– und faltenreichen Gewänder keinen rechten Halt mehr haben, bekommen die weit ausholenden Schwünge und Bäusche eine eigene Lebendigkeit.

Hier macht sich eine Auffassung geltend, die auf ein anderes Lebensgefühl schließen lässt, das nicht mehr das harmonische Gleichgewicht von Körperhaftigkeit und Beseelung kennt wie in der Mittelgruppe, sondern allmählich zu einer sog. Entkörperlichung drängt, die in der weiteren Entwicklung zu großer Eleganz oder zu asketischer `Entleibung’ führen kann. Auf jeden Fall ist die Grenze der klassischen Plastik der ersten Jahrhunderthälfte überschritten, was besonders in diesem Fall große Unstimmigkeit bei der Datierung erzeugt hat. Da aber ähnliche Tendenzen in Pariser Arbeiten um oder kurz nach 1250 festzustellen sind, wird man kaum über diesen Termin hinauszugehen brauchen.

An solchen feinen Details, die dem Laien nicht direkt auffallen, sieht die Kunstgeschichte Hinweise auf eine grundlegende Änderung in den sich wandelnden Zielvorstellungen der jeweiligen zeitgenössischen Kunst.

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DER INNENRAUM

Die Kathedrale von Reims ist eine dreischiffige Basilika in der Tradition des Chartreser Schemas. Chor und Langhaus entstanden zwischen 1211 und 1233. Die Höhe des Mittelschiffes ist auf fast 39 Meter gesteigert, die innere Länge beträgt 138 Meter. Das Langhaus wird im Westen durch die neu erfundenen Maßwerkfenster wunderbar beleuchtet und auch das verglaste Tympanon der Portalzone ermöglicht ganz neue Lichtverhältnisse.

Was man von außen kaum sehen konnte erweist sich im Innenraum als sehr wirkungsvoll. Auch hinter den Wimpergen der Portale wurde die Mauer in Glas aufgelöst, so dass hier ein mittleres Lichtband zwischen den beiden Rosen entstand. Das ist eine Vorform des wenig später entwickelten verglasten Triforiums.

Hier haben wir jetzt das voll entwickelte Schema der Hochgotik vor uns, das sich in Frankreich nicht mehr wesentlich ändern wird: dreizoniger Wandaufbau, vierteiliges Kreuzrippengewölbe und Maßwerkfenster.

Kapitelle

Die Kapitellzone der Pfeiler erfährt in Reims eine weitgehende Erweiterung. Zunächst deutet sich bei der Kapitellzone eines Bündelpfeilers schon an, dass von dem zweizonigen Aufbau der obere Teil ein durchgehendes Band bildet.

Später ist die Zweizonigkeit nur noch bei den vorgelegten ¾–Säulen vorhanden, die Kapitellhöhe ist aber schon gleich.

Und bei der Endstufe sind die Muttersäule und die vorgelegten Säulen durch ein durchgehendes Kapitellband verbunden. Genauso wie bei den Fenstern, bei denen durch die Einführung des Maßwerks die bisher einzelnen Glieder sich einer neuen Einheit untergeordnet haben, sind hier die Unterelemente der Kapitellzone miteinander verbunden worden.

Chor

Reims ist die Krönungskirche des französischen Königtums und für solche nationale Feierlichkeiten musste natürlich genügend Raum für die Zeremonie und die Würdenträger geschaffen werden. Dieses Problem hat man hier folgendermaßen gelöst. Man hat das Querhaus mit dem Chor zu einer großen Raumeinheit verbunden. Man sieht an der Grundrisszeichnung, dass vom Querhaus zwei Chorumgänge nach Osten abgehen und nicht einer, wie es dem dreischiffigen Langhaus entsprochen hätte, und dass damit der ganze Ostteil zu einem Raum zusammenwächst.

Die Achskapelle, also die Kapelle direkt in der Mitte des Chores, wurde vor einigen Jahren mit neuen Fenstern ausgestattet, die Marc Chagall geschaffen hat. Reims hatte eine lange Bauzeit. Der Chor konnte zwar bereits 1241 eingeweiht werden, aber während des hundertjährig Krieges kamen die Arbeiten nur langsam voran. 1481 beendete ein weiterer Brand das Vorhaben, die Türme noch vollenden zu wollen.

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Lit.:

Binding, Günther: Was ist Gotik? Eine Analyse der gotischen Kirchen in Frankreich, England und Deutschland 1140 – 1350. Darmstadt / Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000

Binding, Günther: Architektonische Formenlehre. Darmstadt 1980

Toman, Rolf (Hrsg.): Die Kunst der Gotik. Architektur – Skulptur – Malerei. Köln 1998

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REIMS - DIE HAUPDATEN

Krönungskirche des französischen Königtums.

1211–1241 Chor, Querhaus und Ostjoche des Langhauses

Erstes Maßwerk 1215/1220 (JEAN D’ORBAIS).

1219-35 Jean Leloup;

1233-1235 Bauunterbrechung auf Grund eines Bürgeraufstandes.

Westbau wohl ab 1252, Rosengeschoss um 1280, Türme bis 1310.

Tympanon von Glas hinterlegt. Erste Königs–Galerie (zusammen mit Paris), ursprünglich vergoldet, insgesamt 56 Statuen mit einer Höhe von ca. 4,30 m (6–7 Tonnen). Insgesamt 2.303 Skulpturen: außen 211 mit einer Höhe von 3–4 m, 126 mittlere, 936 kleine, 788 Tiere; innen 191 mittlere, 50 Tiere.

Werkmeister: JEAN D’ORBAIS, JEAN DE LOUP, GAUCHER DE REIMS, BERNARD DE SOISSONS, ROBERT DE COUCY (GEST. 1311).

Reims ist für die Entwicklung der Hochgotik formal, technisch und im Planungsverfahren (Aufkommen von Baurissen) 1211/33 von höchster Bedeutung. Zusammenfassung von Einzelgliedern wie bei den Kapitellen.

Labyrinth: Gaucher de Reims.

Das 3s Querschiff ist grundrissmäßig mit dem Chor verbunden, um genügend Platz für die Krönungsfeier zu haben. 1429 krönte hier Jeanne d’Arc Karl VII.

INNEN Säulen mit 4 gleichförmigen vorgelegten ¾-Säulen, die mit der „Muttersäule“ in 2 Entwicklungsformen eine einheitliche Kapitellzone bilden (Kämpfer immer mehr zurückgedrängt). Zwischen der großen Fensterrose und dem Glastympanon erscheint eine Vorform des verglasten Triforiums, das von außen hinter dem Wimperg des Mittelportals kaum zu erkennen ist, als Bekrönung einer ungewöhnlichen Mauerkonstruktion, die in Nischen die ersten inner-kirchlichen Plastiken enthält, u.a. die „Kommunion eines Ritters“. Tympanon: Mittelsäule leicht dicker, korrespondiert mit dem darüber liegenden mittleren Dienst des Maßwerks.

Achskapelle mit Fenster von Marc Chagall

La-149,17 / Li-138 / HMS-37,95 / BMS-14,65

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