Rom, San Pietro in Vincoli, Statue des Moses von Michelangelo, 1985

Not selected for Google Earth or Google Maps after a second review [?]

MICHELANGELO (1475-1564). Moses 1506-1515.

Michelangelo hat mit diesem Moses mit den Gesetzestafeln eine Plastik von ungeheuerer Wucht geschaffen, die den Rahmen der „klassisch–gemessenen“ Renaissance bei weitem sprengt und schon den Bewegungsrausch des Barock voraus nimmt.

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, hat 1914 dieser Plastik eine kleine Studie unter dem Titel „Der Moses des Michelangelo“ gewidmet, da er nach eigenen Worten „von keinem Bildwerk je eine stärkere Wirkung erfahren“ habe. In seinem 25–Seiten–Aufsatz gibt Freud auf Grund von genauen Bewegungsstudien eine Deutung des Werkes, die damals neu war.

Freud geht von der Unsicherheit aus, die bei mehreren anderen Autoren deutlich wird, wenn sie beschreiben sollten, welche genaue Situation von Michelangelo denn eigentlich gemeint ist und wie sich die einzelnen Bewegungsmotive deuten und in ein einheitliches Bild bringen lassen, das jedem einzelnen Zug seinen Sinn gibt.

Besonders die Funktion des rechten Armes gibt hier Rätsel auf, da er mit den wichtigen Gesetzestafeln der zehn Gebote in Berührung ist, aber gleichzeitig als unübersehbares Motiv Moses’ Bart scheinbar am Körper festhält oder doch zumindest sich damit beschäftigt.

Auch die genaue Analyse des Gesichtausdruckes war bei den verschiedenen Autoren nicht einheitlich. Freud hält erstmal eine Beschreibung von Henry Thode fest, die hier eine „Mischung von Zorn, Schmerz und Verachtung“ sieht.

Eine kurze Bemerkung zu den vielzitierten Hörnern des Moses: Es dürfte mittlerweile bekannt sein, dass dieses eigentümliche körperliche Merkmal auf einen Übersetzungsfehler zurückgeht. Das hebräische »keren« bedeutet sowohl Horn wie Strahl. In neueren Übersetzungen der einschlägigen Bibelstelle (Exodus 34,35) ist dieser Irrtum korrigiert: »Wenn die Israeliten das Gesicht des Moses sahen und merkten, dass die Haut seines Gesichtes Licht ausstrahlte, legte er den Schleier über sein Gesicht, bis er wieder hinaufging, um mit dem Herrn zu reden.«

Die allgemeine Situation der Szene ist durch den Bibeltext eindeutig: Moses hat auf dem Berg Sinai von Gott selbst die Gesetzestafeln erhalten. Er ist nach 40 Tagen und Nächten herunter gekommen und hat dann seine Israeliten dabei beobachten müssen, wie sie ein goldenes Kalb anbeten, worüber er in Wut gerät.

Nun könnte man meinen, und viele Autoren haben das auch getan, Michelangelo habe hier den Augenblick dargestellt, kurz bevor Moses aufspringen wird, um sein Volk zur Rechenschaft zu ziehen, – also gleichsam die Ruhe vor dem Sturm.

Auch die Stellung der Beine hat zu divergierenden Deutungen geführt. Ist das die Situation kurz vor dem Aufspringen oder ist das eine „gehemmte Bewegung“, wie Heinrich Wölfflin meinte, also ein Zeichen von Verzögerung einer Bewegung? Freud bereitet seine neue Deutung des Werkes von Michelangelo damit vor, dass er auf die anfängliche Gesamtkonzeption des Grabmals hinweist, in dem – kurz gesagt – die menschlichen Tugenden dargestellt werden sollten und es hierbei äußerst unwahrscheinlich wäre, dass eine so zentrale Figur wie der Moses den Eindruck vermitteln sollte, er würde im nächsten Moment davon stürmen. Ein solches unkontrolliertes Nachgeben einer momentanen intensiven Stimmung gegenüber wäre in Michelangelos Augen sicher keine ‚Tugend’.

Freud weist in eine andere Richtung und bezieht sich dabei auf ein kunsthistorisches Deutungs–Verfahren, das der italienische Arzt Morelli erfunden hat. Seine Methode bestand darin, anhand von scheinbar unwichtigen Kleinigkeiten wie beispielsweise gemalten Fingernägeln oder Ohrläppchen, die aber in verschiedenen Werken immer wieder in gleicher Weise durchgeführt sind, die Autorenschaft eines Meisters zu beweisen. Das ist nach Freud dem Vorgehen der Psychoanalyse sehr ähnlich, nämlich aus der Analyse von scheinbar nebensächlichen Phänomenen auf die Grundstruktur schließen zu können.

Und die entscheidende Nebensächlichkeit bei Michelangelos Moses sieht Freud in der Stellung der seitlichen Gesetzestafeln und im Verhältnis der rechten Hand zum Bart. „Man kann also nicht sagen, die rechte Hand spiele mit dem Bart oder wühle in ihm: nichts anderes ist richtig, als dass der eine Zeigefinger über einen Teil des Bartes gelegt ist und eine tiefe Rinne in ihm hervorruft. Mit einem Finger auf seinen Bart drücken, ist gewiss eine sonderbare und schwer verständliche Geste“ . Wenn man weiter bedenkt, dass die rechte Hand den linken Bartzipfel herüberzieht, dann lässt sich das verstehen als der Rest einer bereits abgelaufenen Bewegung. Die rechte Hand mit dem herübergezogenen linken Bartzipfel wäre demnach in einer Rückzugsbewegung und damit der ganze Mann in einer ruhigeren Verfassung als während der anzunehmenden vorherigen Situation.

Freud rekonstruiert die hier sichtbare Situation in Kombination von biblischer Beschreibung und seinem Wissen über menschliches Verhalten. Moses ist bei dem Anblick seines Volkes im Tanz um das goldene Kalb plötzlich in Wut geraten, aufgefahren, fand aber als Ausdruck seines Zornes erst einmal nichts anderes als seinen eigenen Bart und presste ihn wütend zusammen, wie das auf einer Mosesstatuette zu sehen ist, die Nikolaus von Verdun zugeschrieben wird, also aus dem 12. Jahrhundert stammt.

Dann muss es aber eine Veränderung im Bewegungsablauf gegeben haben, die zu dem Niedersetzen des Moses und zum Rückzug der rechten Hand führte. Was könnte das gewesen sein und warum ist das so wichtig, dass Michelangelo es zum Thema seiner Plastik machte? Hier weist Freud auf die genaue Stellung der beiden Gesetzestafeln hin, die bisher in der Literatur seiner Zeit nicht richtig gedeutet worden war. Die Tafeln mit den zehn Geboten stehen nämlich auf dem Kopf, was bisher niemandem aufgefallen war. Man musste dazu aber wirklich schon genauer und näher hinsehen, was zu Freuds Zeiten noch möglich war, heute natürlich nicht mehr. Der Moses ist heute durch ein Seil vor Besuchern geschützt.

Dann muss es aber eine Veränderung im Bewegungsablauf gegeben haben, die zu dem Niedersetzen des Moses und zum Rückzug der rechten Hand führte. Was könnte das gewesen sein und warum ist das so wichtig, dass Michelangelo es zum Thema seiner Plastik machte? Hier weist Freud auf die genaue Stellung der beiden Gesetzestafeln hin, die bisher in der Literatur seiner Zeit nicht richtig gedeutet worden war. Die Tafeln mit den zehn Geboten stehen nämlich auf dem Kopf, was bisher niemandem aufgefallen war. Man musste dazu aber wirklich schon genauer und näher hinsehen, was zu Freuds Zeiten noch möglich war, heute natürlich nicht mehr. Der Moses ist heute durch ein Seil vor Besuchern geschützt.

Freud hat zur Veranschaulichung seiner Theorie vier Zeichnungen anfertigen lassen, die den rekonstruierbaren Bewegungsablauf und damit die Deutung dieses Kunstwerkes zeigen. Die Gesetzestafeln haben in der Plastik am unteren Rand „einen Vorsprung wie ein Horn, und gerade mit diesem Vorsprung berühren die Tafeln den Steinsitz“. Aber nur der obere Rand von bedeutenden Schrifttafeln war damals in solcher Weise hervorgehoben. Warum stehen die zehn Gebote hier also auf dem Kopf? Das lässt sich nun an den Zeichnungen nachvollziehen.

„Anfänglich, als die Gestalt in Ruhe dasaß, trug sie die Tafeln aufrecht unter dem rechten Arm [Fig. 1]. Die rechte Hand fasste deren untere Ränder und fand dabei eine Stütze an dem nach vorn gerichteten Vorsprung. Diese Erleichterung des Tragens erklärt ohne weiteres, warum die Tafeln umgekehrt gehalten waren. Dann kam der Moment, in dem die Ruhe durch das Geräusch des Tanzes um das Goldene Kalb gestört wurde. Moses wendet den Kopf hin, und als er die Szene erschaut hatte, machte sich der Fuß zum Aufspringen bereit, die Hand ließ ihren Griff an den Tafeln los und fuhr nach links und oben in den Bart, wie um ihr Ungestüm am eigenen Leibe zu betätigen. Die Tafeln waren nun dem Druck des Armes anvertraut [nicht mehr der Hand], der sie an die Brustwand pressen sollte [Fig. 2].

Aber diese Fixierung reichte nicht aus, die Tafeln begannen nach vorne und unten zu gleiten. Einen Augenblick weiter, und sie hätten sich drehen müssen, mit dem früher oberen Rande zuerst den Boden erreichen und an ihm zerschellen. Um dies zu verhüten, fährt die rechte Hand zurück und entlässt den Bart, von dem ein Teil ohne Absicht mitgezogen wird, erreicht noch den Rand der Tafeln und stützt sie nahe ihrer hinteren Ecke. So leitet sich das sonderbar gezwungen erscheinende Ensemble von Bart, Hand und auf die Spitze gestelltem Tafelpaar aus der einen leidenschaftlichen Bewegung der Hand und deren gut begründeten Folgen ab.“

Damit sieht nach Freud die Sache also so aus: wir haben hier nicht die Einleitung einer gewaltsamen Handlung vor uns, sondern den Rest einer bereits abgelaufenen Bewegung. Warum ist das von Bedeutung? Nun, es wäre für Moses sicher auf einer unteren Kulturstufe befriedigender gewesen, den Rachegelüsten nachzugeben, den eigenen Affekten freien Lauf zu lassen.

Aber: es gab für ihn eine höhere Mission. Und die lag in den Tafeln mit den zehn Geboten, die die Grundlage bildeten für die Rechtsideale der abendländischen Kulturgeschichte. Die drohten zu zerschellen, wenn er, Moses, einem primitiveren Prinzip, nämlich dem des direkten Jähzorns, gefolgt wäre. Der Moses des Michelangelo ist dem biblischen Moses überlegen, zumal der originale ‚Bibel’–Moses die erste Fassung der Zehn Gebote dann doch noch aus Wut eigenhändig zerstört hatte.

Michelangelo zeigt eine ‚charakterlich’ andere Figur und hat damit „etwas Neues, Übermenschliches in die Figur des Moses gelegt, und die gewaltige Körpermasse und kraftstrotzende Muskulatur der Gestalt wird zum leiblichen Ausdrucksmittel für die höchste psychische Leistung, die einem Menschen möglich ist, für das Niederringen der eigenen Leidenschaft zugunsten und im Auftrag einer Bestimmung, der man sich geweiht hat.“

Es ist in der Biographik über Freud wiederholt darauf hingewiesen worden, dass Freud in dieser Haupt–Charakteristik der Michelangelo–Statue auch eine Idealisierung, bzw. eine entscheidende Ähnlichkeit zu seiner eigenen Haltung sah. Noch im Juli 1938 hat er in einem Gespräch mit Salvador Dalí geäußert, dass der Moses die fleischgewordene Sublimierung sei, also die Unterordnung einer Leidenschaft unter ein höheres kulturelles Ziel repräsentiere. Für Freud war dieses höhere Ideal seine Lehre der Psychoanalyse, der er sein Leben „geweiht“ hatte.

Er hätte seinerzeit – ähnlich wie Moses – auch Grund gehabt, auf ehemalige ‚Schüler’ wütend zu sein, die von ihm abgefallen sind. Es hat zuvor in der Schule der Psychoanalyse die hochdramatischen Sezessionen von Alfred Adler und C. G. Jung gegeben und Freud hat sich bemüht, seine aufgestörten Emotionen im Interesse der Fortentwicklung seiner Lehre in sich niederzuringen. Auch von Michelangelo wissen wir, dass er zu sehr intensiven Rachegefühlen fähig war, vor allem dem besagten Papst Julius dem II. gegenüber, für den diese Figur des Moses bestimmt war.

Der Moses des Michelangelo verbindet also ein biblisches Thema mit der persönlichen Problematik des Künstlers und seine Deutung durch Freud erklärt sich aus der gleichen Problematik, diesmal auf Seiten des Gründers der Psychoanalyse.

Show more
Show less
Save Cancel Want to use bold, italic, links?

Sign up to comment. Sign in if you already did it.

WorldItalyLazio

Photo taken in Sapienza University of Rome, Piazzale Aldo Moro, 5, 00185 Rome, Italy

Photo details

  • Uploaded on November 15, 2011
  • © All Rights Reserved
    by Wensky

Groups